{"id":249,"date":"2021-07-13T18:27:37","date_gmt":"2021-07-13T18:27:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.japanisches-bayern.de\/?page_id=249"},"modified":"2021-07-13T18:27:37","modified_gmt":"2021-07-13T18:27:37","slug":"philipp-franz-von-siebold-1796-1866-der-japanentdecker-aus-wuerzburg","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.japanisches-bayern.de\/?page_id=249","title":{"rendered":"Philipp Franz von Siebold (1796-1866), der \u201eJapanentdecker\u201c aus W\u00fcrzburg"},"content":{"rendered":"\n<p>Wer als wi\u00dfbegieriger Leser Anfang des 19. Jahrhunderts im vierb\u00e4ndigen <em>Conversations-Lexikon der neuesten Zeit und Literatur<\/em>, bei F.A. Brockaus in Leipzig zwischen 1832 und 1834 erschienen, nach <em>Japan<\/em> suchte, wurde entt\u00e4uscht: es gab keinen Eintrag \u00fcber das Land. Kein Wunder, verschloss sich Japan doch selbst seit Anfang des 17. Jahrhunderts m\u00f6glichst jedem Verkehr mit dem Ausland.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich gab es trotzdem bereits Literatur \u00fcber das fern\u00f6stliche Land, verfasst von Holl\u00e4ndern und Angeh\u00f6rigen anderer europ\u00e4ischer Nationen, die f\u00fcr einige Jahre in der holl\u00e4ndischen Faktorei in Nagasaki leben durften. Oft hatten sie auch kleinere Sammlungen von ihrem Aufenthalt mitgebracht, die Aufsehen erregten. Aber der Nachhall dieser Ereignisse in Deutschland war sehr schwach, zu sehr standen zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Frage der politischen Entwicklung und die unklaren Ziele im Vordergrund, wie Deutschland einmal aussehen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch zur Zeit der Ver\u00f6ffentlichung des Lexikons war der Arzt und Naturforscher Philipp Franz von Siebold bereits von einem ersten Aufenthalt in Japan zur\u00fcckgekehrt und begann, durch seine Publikationen Japan in seinem Heimatland bekannt zu machen. Drei gro\u00dfe Werke hat er unter gro\u00dfen Kosten und M\u00fchen ver\u00f6ffentlicht, weshalb die Bezeichnung \u201eJapanentdecker\u201c (im 19. Jahrhundert) gerechtfertigt ist.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.japanisches-bayern.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/SIZJKNO5.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-250\" width=\"620\" height=\"834\" srcset=\"https:\/\/www.japanisches-bayern.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/SIZJKNO5.jpg 446w, https:\/\/www.japanisches-bayern.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/SIZJKNO5-223x300.jpg 223w\" sizes=\"(max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption>Kreidezeichnung des jungen Siebold von Johann Joseph Schmeller, gefertigt 1835 in Weimar.<br>Bildnachweis: Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Auch er war als \u201eHoll\u00e4nder\u201c (mit einem holl\u00e4ndischem Pa\u00df) 1823 in Japan gelandet, obwohl er waschechter W\u00fcrzburger war und nur durch einen Zufall an den Auftrag gelangte, das unbekannte Land so weit wie m\u00f6glich als Naturforscher zu beschreiben. Das war eine schwierige Aufgabe, da gerade das Erforschen Japans von den japanischen Beh\u00f6rden untersagt war, und jedes Au\u00dferlandbringen von Material strengstens geahndet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie jeder seiner Vorg\u00e4nger hat Siebold genau das getan, und wurde &#8211; als das 1828 bei seiner geplanten Ausreise aufkam &#8211; nach einem Prozess Ende 1829 auf Lebenszeit aus Japan ausgewiesen. Die n\u00e4chsten Jahre nach seiner R\u00fcckkehr war er mit seinen Werken besch\u00e4ftigt und der unerm\u00fcdlichen Werbung in den europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, Japan als m\u00f6glichen Partner in Betracht zu ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Manche seiner Vorschl\u00e4ge wurden tats\u00e4chlich verwirklicht, aber erst Jahre sp\u00e4ter nach seinem Tod 1866 in M\u00fcnchen. Da plante er gerade, dem bayrischen Staat seine Japansammlung von der zweiten Reise anzubieten, denn nach der \u00d6ffnung Japans f\u00fcr au\u00dfenpolitische und Wirtschaftsbeziehungen mit dem westlichen Ausland durch den amerikanischen Commodore Matthew C. Perry 1853 und dem folgenden ersten au\u00dfenpolitischen Vertrag Japans 1854 durfte Siebold wieder nach Japan einreisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er war dabei nicht allein, sein Sohn Alexander (1846-1911) begleitete ihn, der in Japan blieb und sp\u00e4ter als Berater und Diplomat in japanischen Diensten viele Ideen seines Vaters umsetzen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Siebolds Sammlung wurde tats\u00e4chlich von Bayern angekauft, aber erst Jahre nach seinem Tod. Sie ist heute im Museum F\u00fcnf Kontinente (fr\u00fcher: V\u00f6lkerkundemuseum) in M\u00fcnchen untergebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>In M\u00fcnchen hatte er auch den Handel mit Japan angeregt. Aber Bayern hatte kaum Au\u00dfenhandel, da es erst nach dem Bau des Suez-Kanals (1869) und der Verk\u00fcrzung des Seewegs am Fernen Osten interessiert war. Auch politisch konnte das K\u00f6nigreich nur wenig bewirken, weshalb das Repr\u00e4sentieren gegen\u00fcber Japan die Familie von Siebold \u00fcbernahm. Siebolds Tochter empfing in ihrem Schlo\u00df in Erbach bei Ulm (umgeben von einem japanischen Garten) japanische Studenten oder auch mal den japanischen Ministerpr\u00e4sidenten in Begleitung ihres Bruders Alexander.<\/p>\n\n\n\n<p>Siebolds Grab befindet sich heute auf dem Alten S\u00fcdlichen Friedhof in M\u00fcnchen. Noch im 19. Jahrhundert wurde es h\u00e4ufig von den japanischen Studenten aufgesucht, die nach der \u00d6ffnung Japans 1868 gerne nach M\u00fcnchen kamen, um hier zu studieren oder zu promovieren. Dank Siebold, von dem langsam bekannt wurde, dass er gar kein Holl\u00e4nder, sondern Deutscher war, wurde Deutschland in Japan prominent und gewann f\u00fcr die Entwicklung des Landes, vor allem in der Medizin, eine gro\u00dfe Bedeutung.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend also in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts japanische Studenten der Medizin und der Rechtswissenschaft an deutschen Universit\u00e4ten wie Berlin, W\u00fcrzburg und M\u00fcnchen ihre Doktorarbeiten in deutscher Sprache schrieben und japanische Germanisten die deutschen Klassiker \u00fcbersetzten und kommentierten, verharrte das deutsche Kaiserreich in Unwissen und weitgehend fehlendem Interesse. Erst 1887 wurde in Berlin ein Seminar f\u00fcr Orientalische Sprachen gegr\u00fcndet, auch f\u00fcr Japanisch, wobei koloniale Interessen mitspielten, und 1914 gab es die erste Professur f\u00fcr Japanisch, bezeichnenderweise am Hamburgischen Kolonialinstitut. Karl Florenz (1865-1939), der erste Professor f\u00fcr Japanisch, erschlo\u00df vor allem das alte klassische Japan und seine Literatur, lie\u00df sich aber auch sp\u00e4ter zu einer Lobrede auf Hitler hinrei\u00dfen. Langsam entdeckten deutsche \u00c4stheten und Schriftsteller jetzt Japan &#8211; wenn auch viel sp\u00e4ter als in Frankreich &#8211; . 1901 stie\u00df ein junger Musikstudent mit Namen Carl Orff auf das altjapanische Drama <em>Terakoya <\/em>und komponierte im Stil eines Kabukist\u00fccks den Einakter <em>Das Opfer, <\/em>der erst vor wenigen Jahren wiederentdeckt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch japanische Politiker hielten sich gerne an Deutschland. Nicht nur, weil das deutsche Kaiserreich konservativ war, beide L\u00e4nder waren politische Sp\u00e4tentwickler und mussten sich ihren Platz unter den Nationalstaaten noch sichern.<\/p>\n\n\n\n<p>Das genau war Siebolds Gedanke gewesen, dass es nicht unbedingt europ\u00e4ische Erzeugnisse seien, die Japan brauchte, da es selbst alles N\u00f6tige produzieren k\u00f6nne. Siebold w\u00fcnschte sich vor allem enge wissenschaftliche Verbindungen zwischen den beiden L\u00e4ndern, denn er selbst hatte das hohe wissenschaftliche Interesse von Japanern an fremdem Wissen kennengelernt und immer sehr gesch\u00e4tzt. Von der gro\u00dfen Erfahrung und der Gelehrsamkeit seiner japanischen Freunde konnte er selbst immer wieder profitieren und sie bei der Abfassung seiner Werke nutzen. Bereits 1826 wurde er als ausl\u00e4ndischer Gast Mitglied in einer Vereinigung japanischer Botaniker, ein Vorbild f\u00fcr die sp\u00e4teren engen Kontakte, die zwischen Japan und Deutschland gekn\u00fcpft wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das geschah erst wieder in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, die in dieser Hinsicht an das 19. Jahrhundert ankn\u00fcpften, denn im Ersten Weltkrieg waren Deutschland und Japan Gegner, und die Nazizeit stellte nur nationalistische Werte in den Vordergrund einer behaupteten Gemeinsamkeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer als wi\u00dfbegieriger Leser Anfang des 19. Jahrhunderts im vierb\u00e4ndigen Conversations-Lexikon der neuesten Zeit und Literatur, bei F.A. Brockaus in Leipzig zwischen 1832 und 1834 erschienen, nach Japan suchte, wurde entt\u00e4uscht: es gab keinen Eintrag \u00fcber das Land. Kein Wunder, verschloss sich Japan doch selbst seit Anfang des 17. 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